„Kritische Geographie“ beim Bayreuther Geotag

Beim diesjährigen Geotag in Bayreuth fanden unter dem Label „Kritische Geographie“ – neben ebenfalls „kritischen“ Sitzungen und Einzelbeiträgen – einige Zusatzveranstaltungen statt. Nach weit geteilter Einschätzung können diese zum einen als voller Erfolg verbucht und zum anderen als Ermutigung und Auftrag für die Zukunft verstanden werden können.
Los ging es am Montag, 1. Oktober, unter dem Label der Antipode Lecture mit einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kritische Wissenschaft in der neoliberalisierten Hochschullandschaft“. Wegen des großen Andrangs von rund 60 Interessierten erwies sich der vorgesehene Raum als zu klein und machte den Umzug in einen Hörsaal notwendig. Als Auftakt berichteten drei im Ausland tätige Kolleg/inn/en über die Arbeitsbedingungen für Nachwuchswissenschaftler und deren Auswirkungen auf die Inhalte der Wissensproduktion in Kanada, Großbritannien und Schweden.
Harald Bauder vom Department of Geography an der University of Guelph sprach u.a. darüber, dass in Kanada – obschon die Situation insgesamt deutlich besser ist als hierzulande – zunehmend zeitlich befristete und schlecht bezahlte Lehrdozent/inn/en eingestellt würden. Von einer ähnlichen Entwicklung berichtete auch Jonas Bylund vom Department of Human Geography der Stockholm University, der außerdem über die Schwierigkeiten der Postdoc-Phase in Schweden sprach. Ganz ähnliche skizzierte Gesa Helms vom Department of Urban Studies der University of Glasgow die zunehmende Zweiteilung der wissenschaftlich Tätigen in UK: Einerseits gibt es einige Wenige, die sich in der Konkurrenz qua Publikationen, Drittmitteleinwerbung und anderer „exzellenter“ Kennziffern weitreichende inhaltliche Freiheiten erarbeitet haben; andererseits bedeutet dieselbe Konkurrenz für Viele, dass sie tendenziell prekärer beschäftigt bleiben und mit derart viel Lehr- und/oder Projektberichterstattungsaufwand belastet sind, dass ihnen zum Erbdingen der eingeforderten „Exzellenzkriterien“ – und damit für einigermaßen unabhängige Forschung – schlicht die Zeit fehlt. Als einen Grund dieser Einwicklung nannte sie die landesweite Evaluierung durch die RAE, mit der zudem einseitige inhaltliche Kriterien von „Exzellenz“ durchgesetzt werden.
Nach einiger Ergänzungen, die u.a. die im Vergleich zum hiesigen, feudalen System bestehenden Freiheiten für nicht-Professor/inn/en betonten, rückte in der breiten, äußerst lebendigen und z.T. kontroversen Diskussion schnell die Situation hierzulande in den Mittelpunkt. Die Einführung von „Lehrknechten/-mägden“, Studiengebühren und diversen Exzellenzkriterien, die inhaltlichen Beschränkungen der Drittmittelforschung, die materielle wie institutionelle Arbeitssituation sowie das zunehmend stromlinienförmigere Verhalten zahlreicher Studierender wurden angesprochen (letzteres von Studierenden). Im Anschluss an Harald Bauders Plädoyer, vorhandene Räume zu nutzen bzw. neue zu schaffen, in denen das Konkurrenzprinzip durch das Kooperationsprinzip ersetzt werden kann, sprachen sich verschiedene Anwesende dafür aus, nach praktischen Wegen zu suchen, um die bestehenden Strukturen strategisch umzudeuten, aktiv zu beeinflussen oder offen anzugehen.
Nachdem die Anwesenden sich zwar darin einig waren, dass weitere Diskussionen und Zusammenarbeit nötig sind, konkrete Angebote aber leider weder vorbereitet noch spontan entwickelt wurden, ging das Treffen ohne Ausblick auseinander – ein Fehler, den zu beheben dieser Bericht mit seinem abschließenden Hinweis auf den e-Mailverteiler „Kritische Geographie“ ?? beabsichtigt.

Nachdem der Verband der Geographen an Deutschen Hochschulen (VGdH) nicht dazu bewegt werden konnte, sich den breiten Protesten gegen die Kriminalisierung von Kolleg/inn/en (vgl. einstellung.so36.net) anzuschließen, war die ad hoc Veranstaltung „Aktuelles zum §129a-Verfahren gegen kritische Wissenschaftler“ mit Volker Eick vom Bündnis für die Einstellung der §129a-Verfahren am Dienstag, 2. Oktober, umso wichtiger. Volker berichtete über Hintergründe, Stand und politische Einordnung des Verfahrens und beantwortete Nachfragen. Auch wurde darauf hingewiesen, dass der offene Protestbrief an beiden Infopoints des Geotags unterschrieben werden kann.

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Unverhofft kommt oft

Gerade im letzten Panel der Fachsitzungen gewesen (FS 59: Interkulturelles Lernen im Geographieunterricht) und angenehm überrascht worden: was da an Völker-, Nationen- und Kulturkonzept-Bashing durchgezogen wurde, alle Achtung. Bis auf den Didaktik-Vortrag waren alle Beiträge dem »Fremdkulturverstehen« etc. äußerst skeptisch eingestellt, weil natürlich mit der Affirmation des Kulturellen in dieser Begriffslogik (oder »interkulturelles Lernen« etc.) genau erst das konstruiert wird, was man sich dann lange abzuschaffen mühen muß: das Fremde. Statt dessen wurde stark gemacht, daß der Begriff der anderen/fremden etc. Kultur selber mehr oder minder rassistisch ist (wurde natürlich nicht so genannt, sondern »essentialistisch« etc.) und einem aufgeklärten, modernen Schulunterricht im Weg steht. Wie gesagt, unverhofft kommt oft, damit hat gegen Ende der Tagung keiner mehr gerechnet. Was übrigens auch für einige Verwirrung und Mißverständnisse beim Publikum sorgte (wohl fast alle Pädagogen), die doch immer so gerne das Positive im Anderen sehen wollen. Denen klar zu machen, daß es kein fremdes Anderes gibt, sondern sie sich allenfalls selber fremd sind, das ist manchmal ein hartes Stück Arbeit, hat aber insbesondere A. Pott mit seiner sachlichen, überzeugenden Art messerscharf deutlich machen können.

Den Vogel schoß aber H.-D. Schultz aus Berlin ab: so, wie der (mit klasse Beispielen) die Kartographie bis zum jüngsten Diercke Weltatlas des rassistisch-völkischen Denkens überführt hat (o.k., muß man nicht groß überführen, fällt jedem auf mit Grips im Hirn, aber es war eine Pädagogenveranstaltung), das war schon ein Augen- und Ohrenschmauß und ein heftiger Tritt vor’s Schienbein all jener, die in Europa, Deutschland etc. irgendetwas Naturwüchsiges zu erkennen meinen müssen. Und was da in aktuellen Schulbüchern drinsteht über »den Balkan«, »den Südeuropäer« oder Europa im allgemeinen, da zieht es einen schon die Schuhe aus. Ich persönlich würde da in den Verlagen mal eine Entnazifierung anraten und durchführen lassen, die armen Häschen dort wissen bestimmt gar nicht, was sie so alles verbrechen. San bestimmt olle nur a Opfa.

In diesem Sinne: Für mich das beste Panel des GeographInnentags


The particular state of being non-art

dürfte ungefähr der Vortrag zum Stand der Sozialgeographie gestern Mittag gewesen sein. Ich kann dem/der KommentatorIn nur zustimmen im vorigen Post, er dürfte Leuten, die sich für die Sozialgeographie interessieren, gänzlich das Interesse daran ausgetrieben haben. Ich weiß auch nicht, wie man auf die Idee kommen kann, bei einem state-of-the-art Vortrag nur deskriptiv die Tätigkeiten im Fach zu beschreiben (wobei ein angenehmer Nebeneffekt darin bestand, daß man mal mitbekam, was es da alles so gab und gibt). Vor allem Studierende dürfte das abschrecken, denn die müssen denken, die Sozialgeographie ist so etwas wie Buchhaltung oder Bilanzforschung. Anstatt also eine Einschätzung zu liefern, wie leistungsfähig oder nicht momentane Paradigmen der Subdisziplin sind, allen voran Benno Werlens im Rückblick nur als Meilenstein zu begreifende Theorie, wurde man mit der drögen Verfaßtheit der institutionellen Situation gelangweilt, die, man bedenke als Kontrast den Vortrag von Don Mitchell heute, ungefähr so inspiriert wie die von einem Sparkassen-Azubi daherkam.

Aber voilá, damit ist der Diskussionsstrang eröffnet. (Nochmal: eigene Postings über den WordPress link unten, ID geben lassen, email schreiben [rechts diesen username klicken oder einfach hier Kommentar posten] und dann ist er zur Liste der Contributers hinzugefügt)

Warum die SOGENANNTE (ich muß das hier mal so deutlich sagen) Neue Kulturgeographie immer mal als Referenzpunkt erscheint, das ist einen eigenes posting wert, nur soviel: wer selber nichts Neues aufzuweisen hat, der muß halt darauf referieren, was sich zumindest den Anschein dessen gibt. Aber es gibt eben, man verzeihe mir das abgegriffene Adorno-Zitat, kein richtiges Leben im Falschen, vulgo: wer nicht weiß, was er warum macht, der sollte es auch bleiben lassen.

Daß die Sozialgeographie dem nicht folgen muß, das werde ich später noch ein wenig darlegen, obwohl das eigentlich gar nicht meine inhaltliche Aufgabe wäre ….


Eilmeldung: Don Mitchell rettet Geographentag

Don Mitchells Vortrag über »Pretext, paranoia, and public space: rethinking the right to the city after 9/11« hat das Niveau der Veranstaltung enorm gehoben. Überhaupt war das Panel gut besetzt, wenngleich sich bei mir etwas Langeweile breit gemacht hat, weil die Thesen zur Gouvernementalität, so passend und richtig sie sind, mittlerweile mainstream geworden sind. Insofern sind Vorträge, die zum x-ten Mal social exclusion und activation through motivation als neue Herrschaftstechniken thematisieren, so richtig wie bisweilen konturlos. Man sollte sich langsam fragen, was nach dieser Erkenntnis kommt, also wie eine Änderung dessen möglich ist, was man kritisiert: wie kann man eigenständig handeln, ohne in die fremdbestimmten Raster der Herrschaftstechniken (Ich-AG, Neue Medien etc.) zu geraten.

Anyway, Don Mitchell hat das auf charmante Weise abgeändert: er hat konkrete Techniken der Kontrolle in amerikanischen Städten unter den im Titel genannten Topoi lose, aber sinnfällig gruppiert, um jene als die Leitbegriffe stark zu machen, die die Veränderungen in America seit 9/11 am besten faßbar machen sollen. Toller Vortrag, tolle Performance, tolle Rethorik, richtiger politischer Auftrag (oder, wie einer der Sitzungsleiter salopp-autoritär anmerkte: so ham wir uns das vorgestellt, Don….). Und natürlich den Vortrag abgeschlossen mit »and we should act against it«, so, wie er es auch praktisch seinen Studierenden lehrt, die er trotzdem in die Städte schleift und Untersuchungen machen läßt über diesen neuen, paranoiden Raum der Kontrolle. Ich hoffe, da schneidet sich der ein oder die andere LehrstuhlinhaberIn ne Scheibe ab.


How bizarre

a) Der Ex-Umweltminister Töpfer läßt sich gerade mit Vollgas vom Tagungsort entfernen, und ich stehe in einer zentimeterdicken Wolke aus Dieselabgasen.

b) In der Innenstadt von Bayreuth sehe ich einen Tagungsteilnehmer (Prof.) zum Thema Umwelt und Risiken, wie er verschmitzt seinen Imbiß-Abfall supposedly unbeobachtet hinter einer Hecke fallen läßt.


Warum eigentlich Geographentag?

warum nicht GeographInnentag? Oder Geographietagung oder Tagung der Deutschen Gesellschaft für Geographie. Oder gar Gauleiter-Tagung, willkommen im soliden Nazi-Bau der Bayreuther Stadthalle?

Wer darauf Antworten weiß, der lasse uns das wissen.


Vom Blenden

Gestern hat jemand in einem Panel einen Vortrag gehalten, den ich ohne Umschweife in die Kategorie »Scharlatanerie« einordnen würde. Es ging, oder besser, es sollte gehen, um die Frage der qualitativen Rekonstruktion sozialer Wirklichkeiten für die (Kultur-)Geographie. Mit anderen Worten: kann ich Aussagen von Interviewten zu sozialräumlichen Problemlagen für die Geographie aufbereiten? Eine interessante Frage, aber wie der Referent, dessen Name sich eher unzufällig auf einen psychophysischen Wonnezustand reimen dürfte, diese beantwortete, da fällt mir nur noch englischer Sarkasmus ein: Interesting. If true.

Fürwahr war der Erguß ein Sammelsurium von inhaltslosem Gequatsche und Suggestivtermini, von denen vermutlich keiner einer kritischen Diskussion und Überprüfung standgehalten hätte. Leider war mir nicht vergönnt, in die Diskussion einzugreifen, weil ich dringend einen Schnaps nach diesem unsäglichen Blendwerk einnehmen mußte. Ich bleibe dabei: jemand, der völlig unverständliche, pseudo-mathematische Formeln, Worthülsen, rethorisch äußerst abgeschmackte Phrasen im Dunstkreis des Postmoderne-Diskurs und schlichtweg falsche Sätze äußert, dabei »Ergebnisse« wie »Theorien lassen sich nicht empirisch überprüfen«, vielleicht auch »Methoden lassen sich nicht (teil)empirisch überprüfen« oder was weiß ich für einen Quatsch, an den ich mich zum Glück nicht mehr erinnern kann, wer sowas aufbietet, der hat auf einer wissenschaftlichen Konferenz nichts verloren, sondern sollte auf den Jahrmarkt gehen, Sektion »Gaukler«.

Als Beweis gibt es bald eine Kostprobe mit Bild von der Kollegin, sobald sich ihr Lachkrampf gelockert haben sollte.